Faust für Anfänger

(Leseprobe)

Faust ist selbst für passionierte und gebildete Literatur-Liebhaber schwerer Stoff. An der Interpretation des Glanzlichts deutscher Dramenkultur beißen sich seit gut 220 Jahren Leute vom Fach die Zähne aus. Insofern ist es nicht verwunderlich, daß Zeitgenossen, deren Lektüre überwiegend aus Bild-Zeitung, Frau im Spiegel und Bunte besteht, zu ganz eigenen Schlußfolgerungen gelangen.

D' Schneizlinger hat den Faust jüngst im Theater gesehen, weil sie Freikarten hatte. Ansonsten ist sie Liebhaberin des Chiemgauer Bauerntheaters. Aber sie platzt vor Stolz, Teilhaberin der hohen deutschen Literatur gewesen zu sein und erzählt ihrer Nachbarin und Busenfreundin im Treppenhaus von dem Ereignis.


Schneizlinger:
Ogfanga hods mit am oidn, gscheidn Mo in a Kellerwohnung; Souterrain sogt ma heit. Wahrscheinlich a Sozialwohnung. Obwoih: Ich hob de Eintrittspreise an der Kasse glesen: Von daher miassat einglich a bessere Wohnung drin gwesen sei.
Der is do so rumgsessn und hod Seibstgesprä­che gführt über d Welt und so und daß er trotz oll seine Biacher immer no a Depp is.

Freundin:
Is es a sozialkritisches Stück? Weil i hob neilich vo da Akademiker-Arbeitslosigkeit glesn.

D Schneizlinger überlegt kurz:

Schneizlinger:
Ja, kannt scho sei. Weil da Faust hod an rumstreunenden Hund mit hoam gnumma. Oiso, Tierschutz is do aa a Thema. Jedenfois macht Faust in seim Kellerloch an traurigen, unzufriedna Eindruck und ma kennt des ja bei ältere Leut, wia de aufbliahn mit am Hund.

Freundin:
Wos war des für a Hund?

Schneizlinger:
A schwarzer Pudel, glaub i. Aber des is wurscht! Weil der Hund war ned lang a Hund, weil er mit am Zauberspruch vom Faust in den Teufel verwandelt wordn is – Maestro... naa ...Meph... Mephisto hat er geheißen. Und da Teufel war da Kern vo dem Pudel.

Freundin:
Wos fia a Kern? Wieso hod a Pudel an Kern? Zwetschgen und Pfirsich ham Kern, aber doch ned a Hund! War des a Aufführung, de vom Tierschutzverein gsponsert wordn is?

Schneizlinger:
Der Kern ist doch a Symbol für des, was in uns drinnasteckt und mia normalerweise ned wissen. Oder wos aa in andre Leut drinnasteckt. Woaßt, wia da Boitinger im zwoaten Stock: Des is a soichana Lätschnbene! Damit de der griaßt, muaßt an schriftlichn Antrag stelln. Aber wer woaß: vielleicht es der ganz diaf drin, irgendwo a richtig zünftiger Typ. Aber des muaß ma hoid erst rauskitzeln.

Freundin:
Wie bei meim Horstl. Bei dem kitzelt s da Obstler raus: Erst nach a hoibn Flaschn kafft der am Rosenverkäufer drei Bleame fia mi ob. Niachtern denkt der an sowos überhaupts ned.


Schneizlinger:
Ja, so ähnlich. Und dann hod da Teufel am Faust a Wettn obotn und hod gsogt: Paß auf, i zoag Dir oidn, vertrockneten Biachawurm, wia ma richtig d Sau rauslaßt; dafir kriag i dei Seele - später moi, wenn s D' tot bist. De zwoa Männer ziang los in a Kellerwirtschaft und lassen s sauber kracha.

Freundin:
Und der oide Knocha Faust hod woih nix vadrong und an saubern Rausch ghabt?

...

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